Der magere Hai

Letzthin zu nächtlicher Stunde träumte die Flussfrau einen schier unglaublichen Traum:

Sie spazierte mit dem König unter hellen Sternen vom Aeschenplatz zum Bankverein.  Und wie die beiden bei Bider & Tanner vorbeikamen und ins Schaufenster lugten, traute die Flussfrau ihren Augen kaum, denn da lagen Berge und Stapel von Birshammerhaien in der allerbesten Lage! Die Flussfrau rief: «Ich glaube, ich träume; schau nur Kimi, unser Buch thront im Schaufenster und das erst noch in rauen Mengen!» Und der König dachte, «ja, wo soll das Buch denn sonst bitteschön liegen, wenn nicht in einer Buchhandlung», schwänzelte aber artig, damit die Flussfrau meinte, er freue sich ebenso gewaltig wie sie.

Der Anblick ihres Büchleins in so üppiger Masse, war für die Flussfrau in der Tat dermassen überwältigend, dass sie vor lauter Freude darüber augenblicklich erwachte.

Und da lag sie im wahren Leben in ihrem Flussbaubett und der König ebenso und schnarchte mit dem grossen Wassermann um die Wette. «Wie schade», dachte die Flussfrau ernüchtert, «zu schön wär das gewesen, der Hai als neuer Bestseller in jeder besseren Basler Wohnstube.» Und während sie noch etwas wehmütig dieser wohligen Illusion nachhing, erinnerte sie sich plötzlich an ein Traumseminar zu ihrer Studienzeit und daran, dass es Wahrträume gab, in denen der Träumer seine Zukunft messerscharf voraussehen konnte.

«Sapperlot, jetzt werde ich auf meine alten Tage hin noch hellsichtig», war sich die Flussfrau bald sicher und schlief mit dem süssen Gedanken an den ganz grossen Erfolg wieder ein.

Wie sie jedoch am Morgen den Wassermännern von ihren Traumbildern erzählte, meinten beide trocken, was für haarsträubende Ideen frau sich doch des nachts erlaube. Nichtsdestotrotz  machte sich die Flussfrau unverzüglich auf, die nächtliche Eingebung bei Bider & Tanner zu verifizieren.

Aber wie sie vor der Buchhandlung erwartungsfroh das Schaufenster absuchte, war dort kein einziger Hai zu finden. «Mit Bestimmtheit haben sie die Stapel im Laden aufgetürmt», war sich die Flussfrau sicher und trat festen Schrittes in die Buchhandlung ein. Doch leider war ihr Fisch auch hier nirgends zu finden. Nicht unter «Aktuell», nicht unter «Belletristik» und schon gar nicht unter «Bestseller». Zumindest nicht in grossen Haufen. Denn endlich, ganz hinten im Laden, in der winzigsten Ecke, da wo das Regal mit «Schweizer Literatur» angeschrieben ist, hatte sich unter dem Buchstaben «M»  tatsächlich ein einziger, dünner Hai verirrt.

Zugegebenermassen machte er hier nur wenig Eindruck auf die Kundschaft und die Flussfrau begann augenblicklich an der Wissenschaft der Traumdeutung zu zweifeln. So schlich sie ernüchtert aus dem Laden und war gerade dabei ob dem einsamen Fisch in Selbstmitleid zu verfallen, als sie sich plötzlich an einen andern alten Traum erinnerte:

Der lag lange Zeit zurück, nämlich mindestens dreissig Jahre und die blutjunge Schreibende träumte damals mit offenen Augen, wie schön es doch sein müsste, ihre Texte eines Tages gedruckt in einer Buchhandlung liegen zu sehen.

Und da dieser Traum ja ganz offensichtlich war geworden war, kehrte die Flussfrau schlussendlich leichten Herzens nach Hause zurück, dankbar für den täglichen, kleinen Fisch und die nächtlichen grossen Bilder!

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