Trattoria „da Tiziano“

Die Fantasie ist ein kostbar Gut, vor allem in Zeiten, in denen die Welt aus den Fugen gerät.

Und so erzählt man sich im Flussbau derzeit vermehrt Anekdoten und Geschichten. Einige davon nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau, andere sind gar frei erfunden. Alle aber haben sie eine wohlig warme Wirkung auf Körper, Geist und Seele.

«Liebe Männer, mir kam da eine fantastische Idee für ein neues Projekt at Home», kündigt die Flussfrau gänzlich unbescheiden ihren allerneusten Einfall an: «Wir spielen Restaurant!»

«Oh je», feixt der junge Wassermann und «soso» brummt der grosse.

«Doch, das ist lustig», schwatzt die Flussfrau unbeirrt weiter: «Einer von uns mimt den Koch und die beiden andern essen dann bei ihm, also sozusagen auswärts, als wärs im Restaurant».

«Das ist cool, ich bin dabei!», lautet die überraschend schnelle Antwort des Jungspunds. «Heute Abend Punkt sieben, Trattoria «da Tiziano», ich reserviere euch einen Tisch am Fenster». Er macht gleich Nägel mit Köpfen.

Und so stehen die Flussfrau im Frühlingskleid und der grosse Wassermann im edlen Hemd um neunzehn Uhr als Gäste vor ihrer eigenen Wohnung. In der Hand eine gute Flasche Roten aus dem Keller. Denn laut Gastgeber gibt es im «da Tiziano» nur Wasser und Cola, der Zapfpreis für allfällige Spirituosen sei jedoch bescheiden.

Lo chef persönlich begrüsst die Gäste am Eingang, ein junger, sympathischer Kerl in farbiger Küchenschürze. «Irgendwo habe ich den schon mal gesehen, ich bin mir sicher, der wird uns nach allen Regeln der gastronomischen Kunst verwöhnen», witzelt der grosse Wassermann.

Und in der Tat hat der Juniorchef dem Flusspaar den besten Tisch freigehalten und geschmackvoll gedeckt. Gar eine Kerze brennt und die Servietten sind aufwändig gefaltet. Wasser und Wein werden zuerst der Dame und dann dem Herrn gereicht und danach verzieht sich der aufmerksame Cameriere mit höflichen Worten in die Küche.

Und natürlich ist die Flussfrau selig über ihren so liebenswerten und erfindungsreichen Sohn. Und klar geniesst der grosse Wassermann das dolce far niente und den edlen mitgebrachten Tropfen und meint, man müsse die Feste eben feiern, wie sie fallen.

«Oggi si mangia il pollo al curry piccante! Con riso Basmati, buon appetito signori!” Das Menü wird schnell und ohne Federlesen serviert und erstaunt mit seinem asiatischen Auftritt. Aber was solls, Pasta kann man in jeder hundskommunen Trattoria essen. Indisches Huhn hingegen gibt’s eben nur «da Tiziano».

Und weil in dieser ganz besonderen Trattoria nicht nur das Pollo köstlich schmeckt, sondern der Chef sich auch gleich zu den Gästen setzt, als kenne er sie seit eh und je, kriegt sie in der Bewertung gleich einen dritten Stern dazu.

«Dafür mache ich jetzt die Küche, mein Schatz» vergisst die Flussfrau vor lauter Freude komplett ihre Rolle. «Also Signora, ich muss Sie doch bitten!» Kein Gast hat je sein Geschirr bei uns selber abgewaschen», lacht der junge Wassermann. Und so verabschieden sich die Signora und ihr Gatte mit viel Lob und dem Versprechen, das edle Haus bald wieder zu beehren.

«Nächsten Samstag kommt ihr in Steffs Stübli, aus zuverlässiger Quelle weiss ich, dass es noch zwei Plätze frei hat und die Rösti 1A ist», meint gut gelaunt der grosse Wassermann.

«Und in zwei Wochen, reserviert ihr in der Brasserie «Chez Corinne». «Allerdings hat die Köchin dort keine Ahnung von französischer Küche. Allenfalls müsst ihr mit einem «brasato alla nonna Adelina» Vorlieb nehmen».

Natürlich lieben die Wassermänner den Brasato und die Flussfrau liebt die Rösti und somit werden zweifellos alle drei Lokale in Michelins Sternengeschichte eingehen.

Und Sterne hat es an diesem Abend auch jede Menge am Himmel, wie König Kimi und sein Rudel die letzte Runde durch den Hafen drehen. Und das fühlt sich dann so friedlich an, als lebten wir in stinknormalen Zeiten.

 

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