{"id":456,"date":"2019-04-25T14:38:40","date_gmt":"2019-04-25T12:38:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.corinnemaiocchi.ch\/?p=456"},"modified":"2019-04-26T18:03:18","modified_gmt":"2019-04-26T16:03:18","slug":"die-saga-vom-suendenbock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.corinnemaiocchi.ch\/?p=456","title":{"rendered":"Die Saga vom S\u00fcndenbock"},"content":{"rendered":"<p>Als der junge Wassermann noch klein war, liebte er M\u00e4rchen, Sagen und Legenden. Tag f\u00fcr Tag erz\u00e4hlte ihm die Flussfrau vom Rumpelstilzchen, vom Piraten von St\u00f6rtebeker oder von Till Eulenspiegel. Und kaum war eine Geschichte zu Ende, wollte er die n\u00e4chste h\u00f6ren, stundenlang, mit grossen Augen und mucksm\u00e4uschenstill, bis er schliesslich einschlief.<\/p>\n<p>Eine Geschichte, die es ihm besonders angetan hatte, war die Saga vom S\u00fcndenbock. Abend f\u00fcr Abend wollte er sie aufs Neue erz\u00e4hlt bekommen, wollte h\u00f6ren, was dem Geissbock G\u00f6ck B\u00f6ses widerfahren war und Abend f\u00fcr Abend weinte er sich aus Mitleid mit dem armen B\u00f6ckchen in den Schlaf. Die Flussfrau sah wohl, wie sehr das traurige Schicksal dieses Tieres ihrem Sohnemann zusetzte und entschied sich deshalb zu der Schummelei, der Geschichte ein neues, gerechteres Ende zu verpassen.<\/p>\n<p>\u00abLieber Sohn\u00bb, begann sie eines Morgens mit der Zeitung in der Hand. \u00abDu glaubst nicht, was ich hier gerade lese! In einer H\u00f6hle tief in den W\u00e4ldern des osmanischen Reiches, hat man die Saga vom S\u00fcndenbock auf Pergamentpapier gefunden. Eine uralte, vergilbte Rolle, aus dem 5. Jahrhundert vor Christi haben die Historiker ausgegraben und es scheint, dass dies die erste und somit wahre und richtige Version der Geschichte ist. Und denk dir mein Lieber, das Wunderbare ist, dass sie hier gut ausgeht f\u00fcr unsern G\u00f6ck! Willst du sie vielleicht h\u00f6ren?&#187;<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich wollte der kleine Wassermann sie h\u00f6ren, grad jetzt und sofort und somit begann die Flussfrau auch umgehend zu erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p><em>Es war einmal ein kleiner, lebenslustiger Geissbock namens G\u00f6ck. Er wuchs in einer Herde schneeweisser Schafe auf und kein Mensch und kein Tier weiss, wie es zu diesem fatalen Irrtum gekommen war. Alle Schafe dieser Herde waren rechtschaffen und tugendhaft und somit zu hundert Prozent fehlerfrei. G\u00f6ck beneidete die Schafe sehr um ihre weisse Weste und liess nichts unversucht, um so zu werden wie sie. Aber sein Fell blieb braungefleckt, egal wie lange er sich in den Regen stellte. Auch war es eine Tatsache, dass ihm das Bockspringen mehr Freude bereitete als das Grasen und Glotzen und \u00fcberhaupt fand er es furchtbar langweilig, den ganzen Tag dem Leitschaf hinterher zu bl\u00f6ken. <\/em><\/p>\n<p><em>Bei diesem allerdings stand G\u00f6ck l\u00e4ngst unter Beobachtung: Wie er so h\u00fcpfte und sprang und sich des Lebens freute, f\u00fchlte die alte Aue f\u00fcr einen fl\u00fcchtigen Augenblick, wie sch\u00f6n es doch sein m\u00fcsste, sich ebenso unbeschwert durch die Gegend bewegen zu k\u00f6nnen. Doch ein Blick auf ihre kurzen Beine erinnerte sie blitzartig an ihre wahre Bestimmung und deshalb sagte sie zu ihrem Mann:<\/em><\/p>\n<p><em>\u00abSieh dir diesen frechen Furzi an! Was glaubt denn der, wer er ist? Und wie der h\u00fcpft, zum Fremdsch\u00e4men ist das.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><em>Und der Widder dachte, was interessiert es mich, was der G\u00f6ck macht, der ist mir sowas von wurstegal, Hauptsache ich fresse das gr\u00fcnste Gras auf der Weide und habe meine Ruhe. Und damit das alles auch weiterhin so bleiben w\u00fcrde, kam er dem Willen seiner Frau nach und ermahnte G\u00f6ck in ihrem Auftrag:<\/em><\/p>\n<p><em>\u00abG\u00f6ck du Tunichtgut, h\u00f6r mal mit der H\u00fcpferei auf, du bist so was von unbegabt daf\u00fcr. Zudem pflegen wir in dieser Herde zu grasen und zu glotzen, also reiss dich gef\u00e4lligst am Riemen.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><em>G\u00f6ck tat das Herz f\u00fcrchterlich weh bei diesen Worten. Aber er w\u00fcnschte sich so sehr, ein wichtiger und wertvoller Teil seiner Herde zu sein, dass er sich ab sofort noch viel mehr anstrengte, ein fehlerfreies Schaf zu werden.<\/em><\/p>\n<p><em>So vergingen die Jahre und aus dem kleinen G\u00f6ck wurde ein stattlicher Bock, der nur noch selten und nur im Versteckten das Bockspringen wagte und deshalb zusehends schwerm\u00fctiger wurde. Die gl\u00e4nzenden H\u00f6rner aber, welche auf seinem Haupt gewachsen waren, gefielen der Aue so gut, dass sie sie am liebsten selber auf ihrem Wollkopf getragen h\u00e4tte. Deshalb giftelte sie zu ihrem Mann:<\/em><\/p>\n<p><em>\u00abSchau ihn dir doch an diesen Hochstapler mit H\u00f6rnern. Wer glaubt er denn, wer er ist? Und wie der ausschaut, wie der Teufel, der bringt noch unsere ganze Herde in Verruf.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><em>Und der Widder, der mittlerweile dauersatt und faul geworden war und das Denken komplett an die Aue abgegeben hatte, nahm G\u00f6ck zur Seite und drohte:<\/em><\/p>\n<p><em>\u00abG\u00f6ck, du Sorgenkind, irgendetwas stimmt nicht mit dir, ich weiss nicht, weshalb du nicht sein kannst, wie wir. Ein letztes Mal, reiss dich am Riemen, ansonsten werden wir hier die Konsequenzen ziehen.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><em>Was f\u00fcr ein Schafskopf, dachte G\u00f6ck und es \u00fcberkam ihn endlich eine Wut, die gr\u00f6sser war als er selbst (inklusive H\u00f6rner). Er fing an, sich lautstark \u00fcber die Diktatur auf der Weide zu beschweren. Das eine oder andere Sch\u00e4fchen pflichtete ihm bei, eine Sauerei sei das hier auf dieser Schafswiese und man m\u00fcsse aufstehen f\u00fcr Toleranz und gegenseitigen Respekt. Und G\u00f6ck dachte, wusst ich\u2019s doch, am Ende siegt die Wahrheit und jetzt machen wir hier Revolution und danach lebt jeder, wie es ihm gef\u00e4llt.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch als der Morgen der Wahrheit anbrach, hatten sich die Mitstreiter verfl\u00fcchtigt und grasten stattdessen eintr\u00e4chtig mit dem Leitschaf und seinem Mann auf den gr\u00fcnsten Ecken der Wiese. Gemeinsam sprach man G\u00f6ck des Aufstandes und des Verrates schuldig. Die H\u00f6chststrafe wurde verh\u00e4ngt und subito vollstreckt und der \u00absture Bock\u00bb f\u00fcr immer und ewig der Herde verwiesen.<\/em><\/p>\n<p><em>Bevor man ihn aber mit Schimpf und Schande und einem schmerzhaften Hieb davonjagte, belud man ihn mit all den S\u00fcnden, die auf dieser hochanst\u00e4ndigen Wiese keinesfalls l\u00e4nger geduldet werden konnten. Und so kam es, dass Hochmut und Habgier, Zorn und Neid und zuoberst gar noch die Faulheit auf G\u00f6cks R\u00fccken landeten. Da f\u00fchlten sich die weissen Schafe mit einem einzigen Schlag noch tugendhafter und anst\u00e4ndiger als je zuvor.<\/em><\/p>\n<p><em>B\u00f6ck aber rannte und rannte, so weit weg wie er konnte. Er lief ohne Halten bis ihm der Schweiss in Str\u00f6men vom Fell lief und ihn die sengend heisse Sonne zum Anhalten zwang. Ein Geier auf einem Kaktus sitzend, beobachtete ihn listig und kr\u00e4chzte: <\/em><\/p>\n<p><em>\u00abWillkommen in der W\u00fcste, du S\u00fcndenbock! Bild dir bloss nichts ein, du bist bei Weitem nicht der Erste, der hier landet\u00bb<\/em><\/p>\n<p><em>Du heiliger Schafsdreck, es ist also wahr, dachte G\u00f6ck und legte sich ersch\u00f6pft zu Fusse des Kaktus. Der S\u00fcndenbock landet tats\u00e4chlich und unabdinglich immer in der W\u00fcste.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026.. wo er\u2026.\u00a0 <\/em>Nein \u2026! \u00a0Jetzt eben jetzt nicht! Nicht in dieser, nicht in der Version der Flussfrau. \u00a0Wird G\u00f6ck nicht vor Durst, Last und Kummer zusammenbrechen und gar sterben! Sondern er wird im Gegenteil\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wenn ihr euch wie der kleine Wassermann ein Happy End zu euerm ganz pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck w\u00fcnscht, so bleibt dran und lest demn\u00e4chst, wie es G\u00f6ck in der W\u00fcste ergangen ist!<\/p>\n<p>Auf bald eure Flussfrau<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der junge Wassermann noch klein war, liebte er M\u00e4rchen, Sagen und Legenden. Tag f\u00fcr Tag erz\u00e4hlte ihm die Flussfrau vom Rumpelstilzchen, vom Piraten von St\u00f6rtebeker oder von Till Eulenspiegel. 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