{"id":449,"date":"2019-04-05T22:20:23","date_gmt":"2019-04-05T20:20:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.corinnemaiocchi.ch\/?p=449"},"modified":"2020-07-04T13:56:48","modified_gmt":"2020-07-04T11:56:48","slug":"reiche-ernte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.corinnemaiocchi.ch\/?p=449","title":{"rendered":"Reiche Ernte"},"content":{"rendered":"<p><em>Fr\u00fchling l\u00e4sst sein B\u00e4rlauch Blatt<br \/>\n<\/em><em>wieder spriessen auf den Feldern<br \/>\n<\/em><em>sowie herbe duftend gleich in allen W\u00e4ldern.<br \/>\n<\/em><em>Pfl\u00fccke S\u00e4cke voll bis satt.<br \/>\n<\/em><em>Einmachgl\u00e4ser tr\u00e4umen schon,<br \/>\n<\/em><em>Wollen sich bald f\u00fcllen<br \/>\n<\/em><em>In gar herrlich gr\u00fcnem Ton!<br \/>\n<\/em><em>Fr\u00fchling, ja du bist\u2019s!<br \/>\n<\/em><em>Ich k\u00f6nnt vor Freude br\u00fcllen.<\/em><\/p>\n<p>Eduard M\u00f6rike feat. fr\u00f6hliche Flussfrau<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist wie jedes Jahr. Kaum wird\u2019s Fr\u00fchling, werden die alten Knochen \u00fcberm\u00fctig und das morsche Hirn zum Jungspund. Und so zw\u00e4ngten sich die Flussfrau und ihre Freundin nach langer Pause wieder in ihre eingelaufenen Jogginghosen. \u00abJeden Winter machen sie das \u00bb, schimpfte die Flussfrau, \u00abJeden Winter schrumpfen diese hundsgemeinen Beinkleider um eine ganze Gr\u00f6sse.\u00bb<\/p>\n<p>Doch was k\u00fcmmert einem letztendlich eine Hose von schlechter Qualit\u00e4t, wenn um einen herum das Paradies erwacht? Und so vergass die Flussfrau schon bald den zwickenden Zwirn und freute sich stattdessen mit ihrer Freundin \u00fcber Krokus und Co. am Wegesrand. Den beiden schnaufenden Frauen stieg zudem ein w\u00fcrziger Duft in den Riecher und weil die Freundin mit letzter Luft von ihrer B\u00e4rlauchpesto zu schw\u00e4rmen begann, nutzte die komplett ausser Atem geratene Flussfrau die Gunst des Augenblicks, um bei einer Verschnaufpause mehr \u00fcber das gr\u00fcne Kraut zu erfahren.<\/p>\n<p>Und so kam es, dass die Frauen die Rennerei vertagten und sich stattdessen ins B\u00e4rlauchfeld hockten und zu pfl\u00fccken begannen.<\/p>\n<p>\u00abDu musst immer daran riechen, an jedem einzelnen Blatt\u00bb, mahnte die Freundin mit erhobenem Zeigfinger. Und die Flussfrau dachte, papperlapapp was soll ich mir so eine M\u00fche machen, ich weiss ja, was ich hier zupfe und rupfe. Und pfl\u00fcckte somit selig weiter. Gedankenverloren. Blatt f\u00fcr Blatt. Einen ganzen, grossen Sack voll. Liess sich dazu die Sonne auf den R\u00fccken scheinen, war gerade mal f\u00fcnf Jahre alt und grenzenlos gl\u00fccklich, einfach so, in diesem Meer aus Gr\u00fcn. Und am Abend, wie sch\u00f6n, w\u00fcrde sie all dieses Gl\u00fcck mit viel Liebe gew\u00fcrzt ihren M\u00e4nnern servieren.<\/p>\n<p>Zuhause angekommen verschanzte sie sich in der K\u00fcche und zerteilte und verquirlte gefsch\u00e4ftig Bl\u00e4tter, \u00d6l und Grana, bis am Ende der Prozedur s\u00e4mtlich vorhandenen Einmachgl\u00e4ser gef\u00fcllt waren. Die Wasserm\u00e4nner be\u00e4ugten die neue Umtriebigkeit der Flussfrau mit Erstaunen und schauten erwartungsvoll in die T\u00f6pfe. Auch le care Zie vom 3. Stock, Zia Cri und Zia Ro, freuten sich \u00fcber das unerwartete Landfrauenznacht.<\/p>\n<p>Geschmeckt hat es allen. Zweifel an seiner Bek\u00f6mmlichkeit hatte niemand. Ausser Zia Ro, die still und inst\u00e4ndig hoffte, die beiden Kr\u00e4uterhexen m\u00f6gen doch bitte den Unterschied zwischen B\u00e4rlauch und Maigl\u00f6ckchen kennen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kannte die Flussfrau den Unterschied nicht. Hatte sie doch eben erst Bekanntschaft mit Ersterem gemacht und nicht die leiseste Ahnung, wie Zweiteres aussah, geschweige denn wie hochgiftig sein Verzehr.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich hatte sich kein Maigl\u00f6ckchen in ihre Sauce verirrt. Gott sei Dank. Weil der Mensch einfach Schwein hat, dann und wann. Und zur Not ganz viele Schutzengel um sich herum.<\/p>\n<p>\u00abNie mehr esse ich B\u00e4rlauchpesto\u00bb wetterte der junge Wassermann nach Kl\u00e4rung der Sachlage. \u00abMan kann ja froh sein, dass man noch lebt.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abNie mehr pfl\u00fccke ich B\u00e4rlauchbl\u00e4tter, ich bin ja froh, habe ich nicht gleich die ganze Familie vergiftet\u00bb, pflichtete ihm kleinlaut die Mutter bei.<\/p>\n<p>\u00abAch, jetzt macht mal keine Trag\u00f6die daraus\u00bb, blieb der grosse Wassermann gelassen wie immer. \u00abImmerhin w\u00e4ren wir alle mit viel Liebe ins Jenseits bef\u00f6rdert worden\u00bb<\/p>\n<p>Dieser Meinung waren auch die Zie und so wurde am Tag danach bei gut verdaulichem Ragout mit Sp\u00e4tzli gemeinsam auf das Leben und die Liebe angestossen. Und weil Letzteres in der Flussbau-WG in H\u00fclle und F\u00fclle vorhanden ist, boten die Zie sich selbstlos zur \u00dcbernahme der restlichen Einmachgl\u00e4ser an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und f\u00fcr alle, die gerne wieder mal das Original lesen:<\/p>\n<p><em>Fr\u00fchling l\u00e4sst sein blaues Band<\/em><br \/>\n<em>Wieder flattern durch die L\u00fcfte;<\/em><br \/>\n<em>S\u00fc\u00dfe, wohlbekannte D\u00fcfte<\/em><br \/>\n<em>Streifen ahnungsvoll das Land.<\/em><br \/>\n<em>Veilchen tr\u00e4umen schon,<\/em><br \/>\n<em>Wollen balde kommen.<\/em><br \/>\n<em>\u2014\u00a0Horch, von fern ein leiser Harfenton!<\/em><br \/>\n<em>Fr\u00fchling, ja du bist&#8217;s!<\/em><br \/>\n<em>Dich hab&#8216; ich vernommen!<\/em><\/p>\n<p>Eduard M\u00f6rike<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchling l\u00e4sst sein B\u00e4rlauch Blatt wieder spriessen auf den Feldern sowie herbe duftend gleich in allen W\u00e4ldern. Pfl\u00fccke S\u00e4cke voll bis satt. Einmachgl\u00e4ser tr\u00e4umen schon, Wollen sich bald f\u00fcllen In gar herrlich gr\u00fcnem Ton! Fr\u00fchling, ja du bist\u2019s! Ich k\u00f6nnt vor Freude br\u00fcllen. 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