Lieber Mark

Lang ists her seit unserm letzten Treffen. Im Hallenstadion wars und seither sind tatsächlich vier Jahre vergangen. Soweit nichts Besonderes, denn in der Regel sahen wir uns nie öfter. Dass ich dich jedoch nicht vermisst hab, ist durchaus ein Novum.

Ehrlich gesagt, ich war etwas verschnupft nach deinem doch ziemlich, verzeih mir das direkte Wort, angepissten Auftritt in Zürich. Wie wenn ein Liebhaber aus Langeweile ein Date versaut, war das. Ja, ich habs dir übel genommen, wie du lustlos an den Saiten deiner Gitarre gezupft, und dabei tunlichst den Blickkontakt mit dem Publikum vermieden hast. Dafür griesgrämig Song um Song abspulend, nicht ein einziges Mal deine Zuhörer einbeziehend. Das war Dienst nach Vorschrift und auch das mehr schlecht als recht.

Ich weiss wohl, dass du keine Rampensau bist und auch dafür liebe ich dich. Und ich weiss, dass das Hallenstadion nicht dein Lieblingsort ist. Und trotzdem. Wenigstens ein bisschen. Hättest du so tun können, als würdest du die Freude erwidern, die der Wassermann und ich und ein paar Hardcorefans dir auf die Bühne entgegen sangen und tanzten. Aber es war offensichtlich nicht dein Tag und mir war offensichtlich nicht nach Toleranz und so fuhren wir heim und ich war sauer und der grosse Wassermann meinte, eine Höchstleistung deinerseits sei dies nicht gewesen, aber ich solle es doch bitte nicht persönlich nehmen.

Selbstverständlich hab ichs nicht persönlich genommen. Und trotzdem wars irgendwie vergeigt mit uns. Nach fünfunddreissig Jahren gegenseitigem blindem Verstehen, war das wohl unser erster, ernsthafter Konflikt. Ungelöst und neu entfacht, weil ich auch dein jüngstes Album nicht wirklich mag. Mehr als nett kann ich die Songs bei allem Wohlwollen nicht finden. Und nett, das wissen wir beide, ist nicht genug und nicht selten der Anfang vom Ende.

Der grosse Wassermann hingegen ist Feuer und Flamme. So sehr, dass er dich seit ein paar Wochen rauf und runter spielt und wir dich schon bald in Lucca besuchen werden. Während ich derweil etwas hadere, mit mir und mit dir, und der Tatsache, dass die Magie aktuell fehlt, die mich über Jahrzehnte bei all deinen Klängen so treu begleitete. Wir haben uns wohl verändert. Beide. Ob mir das passt oder nicht.

Und doch, bei der Vorstellung an dich, wie du gut gelaunt und spielfreudig auf der grossen Piazza, inmitten der alten Stadtmauern und eines warmen Publikums Tunnel of Love spielst, wird mein Herz weich und mein Verstand milde und beide fühlen das alte Sehnen.

Auch wenn wir zwei uns schon näher waren. Berührt hat mich dein Gitarrenspiel so tief und so nachhaltig, dass «Going home» und «Flying to Philadelphia» allemal auf meiner Beerdigung gesetzt sind.

Und so schliesse ich aufrichtig: «A presto a Lucca, non vedo l’ora!»

Deine Flussfrau

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