Die Saga vom Sündenbock – Episode 2

Ihr erinnert euch bestimmt an unsern Göck, wie er in der prallen Sonne stand, keuchend und schwitzend und mausbeinallein. Abgesehen natürlich von dem Geier auf dem Kaktus. Und der ausgiebigen Sündenvesper auf seinem Buckel, aber von beiden war selbstredend keine Hilfe zu erwarten.

Man mag dem Protagonisten an dieser Stelle eine fähige Fee wünschen, aber natürlich war keine da, grad wie im echten Leben nur selten eine gute Hexe auftaucht, wenn man dringend eine bräuchte.

Doch zum Glück ist unser Böck ein hartnäckiger Held und deshalb sagte er zu sich selber: «Göck, es sieht grad ziemlich scheisse aus für dich, also gib alles, um deinen bescheidenen Pelz zu retten.»

Sich heftig schüttelnd, entledigte er sich der Lasten auf dem Rücken und traute seinen Augen kaum, welch königlich Sündenregister sich da auf dem Wüstenboden auftat!

Und zum ersten Mal kam Göck der Verdacht, dass der ganze Verfehlungskatalog weniger mit ihm als Bock als vielmehr mit den blütenweissen Schäfchen selbst zu tun haben könnte. Da überkam ihn eine leise Leichtigkeit und es stellte sich ihm eine mutige Frage:  Was, wenn er gar kein mangelhafter Furzi war? Kein sturer Bock und kein Sorgenkind? Sondern ein stinknormaler, liebenswerter Geissbock?  Und da gesellte sich zur Leichtigkeit die Heiterkeit und Göck setzte seinen Weg durch die Wüste fort, zuversichtlich und darauf vertrauend, dass am Ende dieses beschwerlichen Ganges ein neuer Anfang auf ihn warten würde. Und tatsächlich erreichte Göck am siebten Tag seiner Wanderung eine Oase, an deren Eingangstor folgende Inschrift geschrieben stand:

«Wir gehen zur Stadt der Zukunft», sprach das Leben. Daraufhin bat ich: «Hab Mitleid mit mir, o Leben. Ich bin schwach, meine Füsse sind wund, und meine Kräfte verlassen mich.» Doch das Leben erwiderte: «Geh nur vorwärts , mein Freund. Zögern bedeutet Feigheit. Und es ist eine Torheit, stets auf die Stadt der Vergangenheit zurückzublicken. Sieh nur, die Stadt der Zukunft winkt.
Khalil Gibran

Da tat Göck einen formvollendeten Sprung und trat – ohne zurückzusehen – in die Stadt der Zukunft ein.

 

«So ist es gut.» meinte zufrieden der kleine Wassermann und wäre vor Erleichterung beinahe sofort eingeschlafen.

«Du Mama», fügte er jedoch gähnend noch an. «Ist der Göck nun ganz allein in der Stadt der Zukunft? Ich meine, es wäre doch schön, er hätte eine Familie oder einen Freund oder am besten beides.»

Und die Flussfrau küsste ihren Sohn und antwortete: «Mein lieber Schatz, überliefert ist nichts, zumindest hat man bis heute keine weitere Pergamentrolle gefunden. Aber ich bin mir sicher, dass in der Stadt der Zukunft eine ganze Herde bunter Böcke auf ihn wartete!»

Da lächelte der kleine Wassermann und sagte, «Ich habe dich unendlich lieb, Mama!» Und das Herz der Flussfrau machte einen göckschen Sprung und sie sagte: «Ich dich auch, mein kleiner Wassermann, und wie!»

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